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„Der Österreichische Bibelübersetzer“

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Gottes Wort deutsch – die kommentierte kritische Hybridedition

Mit der Edition der Werke des Österreichischen Bibelübersetzers werden erstmalig Texte erschlossen, die für das Verständnis und die Deutung des Spätmittelalters wesentlich sind und einen wichtigen Beitrag zum europäischen Selbstverständnis leisten.

Bekannt sind bislang vor allem umfangreiche Übersetzungen aus dem Alten Testament („Alttestamentliches Werk”, ehemals „Schlierbacher Altes Testament”) sowie das neutestamentliche „Evangelienwerk” (ehemals „Klosterneuburger Evangelienwerk”). In Verbindung mit diesen Werken stehen unter anderem deutsche Vorreden und auch eine lateinische Verteidigungsschrift sowie mehrere Traktate, unter ihnen insbesondere zwei „Adversus Judaeos”-Traktate sowie ein „Büchlein vom Antichrist” und ein weiteres vom „Jüngsten Gericht”.

Die überlieferten Handschriften und Fragmente der einzelnen Werkteile sind äußerst zahlreich und zum Teil auch kunsthistorisch relevant. Allein vom „Psalmenkommentar” sind bislang 65 Textzeugen bekannt, das „Evangelienwerk” zählt bislang 27 vollständige Handschriften und Fragmente. Auch lassen sich beispielsweise für das Evangelienwerk frühe Parallelfassungen der Texte feststellen. Entstehung und Verfasserschaft dieser Texte gilt es aber noch zu klären.

Komplexe Überlieferungsbedingungen

Die Geschlossenheit dieser deutschen Texte als Oeuvre  und ihr Stellenwert für die Geistesgeschichte wurden in den vergangenen Jahrzehnten erkannt. Dass sie trotz ihrer hohen Bedeutung bislang nicht ediert wurden, liegt an den Eigenheiten der Verfasserschaft und an den komplexen Überlieferungsbedingungen. Nachdem die Zusammengehörigkeit verschiedener Werke bereits in den 1930er Jahren deutlich geworden war, konnte erst die neueste Forschung das Gesamtwerk rekonstruieren. Die umfangreichen und stark rezipierten Texte haben sich im Verlauf der Abschriften zudem in Fassungen, Exzerpte und sekundäre Umarbeitungen ausdifferenziert. Die editorische Repräsentation stellt besondere Herausforderungen und ist nur durch eine Gruppe von Editoren zu bewältigen. Dabei stellt sich zunächst die Frage nach dem Verfasser wie nach seinem Gesamtwerk.

Edition und Kommentar

Eine Aufgabe wird es sein, die vielen Quellen, die der Österreichische Bibelübersetzer für seine Bibelübersetzung heranzieht, zu definieren und zu kommentieren. Im interakademischen Projekt der Arbeitsgruppen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an der Universität Augsburg und der Berlin-Brandenburgischen Akademie in Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Freimut Löser (Universität Augsburg) sowie von Prof. Dr. Jens Haustein (Berlin/Univeristät Jena) und Prof. Dr. Martin Schubert (Berlin/Universität Duisburg-Essen) werden in vier Modulteilen zu jeweils drei Jahren weitere Textzeugen gesucht, Texte identifiziert, herausgegeben und kommentiert.

Noch 2017 wird die Ausgabe des im Vorfeld durch die DFG geförderten „Alttestamentlichen Werks” (ehemals „Schlierbacher Altes Testament”) des Österreichischen Bibelübersetzers erscheinen. Parallel dazu arbeiten derzeit die Arbeitsgruppen in Augsburg und Berlin an der Erschließung der Überlieferungslage und Textgeschichte des „Evangelienwerks” (ehemals „Klosterneuburger Evangelienwerk”) und nachfolgend des „Psalmenkommentars”.

Digitale Edition

Eines der Ziele ist es, neben der Edition in Buchform auch eine Editionsplattform zu realisieren, auf der Stadien der Editionsentstehung, also auch Transkriptionen, Fassungseditionen, Editionstexte ohne Kommentierung und schließlich die Editionen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Auch Handschriften, deren Abbildungen noch nicht verfügbar sind, sollen aus Projektmitteln digitalisiert und in Abstimmung mit den Bibliotheken online publiziert werden. Auf diesem Wege bietet das Projekt auch Theologen, Historikern und Kulturhistorikern sowie für verschiedenen Philologien eine spannende Forschungsgrundlage.

„Altestamentliches Werk“ (ehemals „Schlierbacher Altes Testament“)

Das „Alttestamentliche Werk”, in der Forschung bislang nach dem Fundort der ersten bekanntgewordenen Handschrift als „Schlierbacher Altes Testament” bezeichnet, ist eine von der lateinischen Vulgata ausgehende Bearbeitung großer Teile des Alten Testaments.

Der ursprünglich angesetzte alttestamentliche Teil mit Vorreden, Genesis, Exodus, Tobias, Hiob und Daniel wurde im Rahmen eines von der DFG geförderten Vorgängerprojektes aufgrund weiterer Textfunde um die Proverbia Salomonis und Ecclesiastes erweitert. Die Texteingabe des alttestamentlichen Teiles (Genesis, Exodus, Tobias, Hiob, Proverbia Salomonis, Ecclesiastes, Daniel) ist abgeschlossen, ebenso die Eingabe der Traktate.

Der nunmehr vervollständigte kritische Apparat verzeichnet sämtliche abweichenden Lesarten an inhaltlich problematischen Stellen erweitert um die entsprechenden Passagen aus der lateinischen Vulgata, und zitiert mit der Glossa ordinaria außerdem das vom Österreichischen Bibelübersetzer für seine eigenen Glossen hauptsächlich herangezogene Werk. Auf Basis dieser Textgrundlage wird es künftig möglich sein, den Österreichischen Bibelübersetzer in seinem alttestamentlichen Werk als Redaktor der Glossa Ordinaria wahrzunehmen und zu erforschen.

Mit dem Erscheinen der Edition ist für 2017 zu rechnen. Damit ist der zunächst von der DFG geförderte Projektteil abgeschlossen und um die nötigen Erweiterungen ergänzt. Die Drucklegung der Ausgabe erfolgt im Rahmen des Projekts.

„Evangelienwerk” (ehemals „Klosterneuburger Evangelienwerk”)

In einem auf etwa sechs Jahre angelegten Modul wird das bislang noch nach dem Fundort der beiden vollständigen Handschriften benannte „Klosterneuburger Evangelienwerk” des Österreichischen Bibelübersetzers editorisch erschlossen und kommentiert.

Die um 1330 entstandene Prosaübertragung der kanonischen Evangelien umfasst auch das apokryphe, aber für das Mittelalter äußerst wichtige Nicodemusevangelium sowie zahlreiche weitere volkssprachige Legenden und Apokryphen.

Die verschiedenen Quellen werden vom Österreichischen Bibelübersetzer nicht nur, wenn nötig, übersetzt und kommentiert, sondern auch in eine neue Ordnung gebracht: nämlich jene der Perikopen.

Schon bald nach dem Abfassen des „Evangelienwerks” entstand eine Bearbeitung des Textes. Ob diese dem Bibelübersetzer selbst oder einem anderen Unbekannten zuzuschreiben ist, lässt sich (noch) nicht sagen, ersteres erscheint wahrscheinlich. Hier wird der Text des Evangelienwerks harmonisiert, das heißt, die in den jeweiligen Evangelien und Apokryphen erzählten Stationen aus dem Leben Jesu werden zu einem Text zusammenfügt. Dabei folgt die entstandene Harmonie der Chronologie des Leben Jesu, wird aber ebenso nach Perikopen strukturiert und kann damit auch in ihren Einzelteilen gelesen werden.

Besondere editorische Herausforderungen

Die Untersuchung dieser Bearbeitungsschritte ist gleichsam eine der besonderen editorischen Herausforderungen: Die Notwendigkeit, Fassungssynopsen zu entwickeln und die ebenso interessante wie komplexe Überlieferungsgeschichte des „Evangelienwerks” transparent und der Forschung zugänglich zu machen.

In dem interakademischen Projekt werden nun weitere Textzeugen, d.h. das „Evangelienwerk” überliefernde Handschriften und Fragmente, gesucht, Texte identifiziert, herausgegeben und kommentiert. Die bislang bekannten 27 Textzeugen werden näher eingeordnet, die Haupthandschriften der beiden Bearbeitungsstufen transkribiert. Insgesamt beläuft sich der kritisch zu edierende und zu kommentierende Text auf rund 1600 Handschriftenseiten (800 Folios).

„Psalmenkommentar“

Im Anschluss an die Edition und Kommentierung des „Evangelienwerks” ist in einem weiteren auf sechs Jahre angelegten Modul geplant, den breit überlieferten „Psalmenkommentar” (bislang 65 bekannte Textzeugen, darunter drei Fassungen mit jeweils unterschiedlichen Vorreden) des Österreichischen Bibelübersetzers ebenfalls editorisch zu erschließen und zu kommentieren. Auch hier wird der kritisch zu edierende und zu kommentierende Text voraussichtlich ca. 1600 Handschriftenseiten (800 Folios) umfassen.

Die weite Verbreitung des „Psalmenkommentars” liegt in der Beliebtheit volkssprachiger Psalmenübersetzungen begründet. Der Psalter ist das Grundbuch des Mittelalters, an ihm lernte man Lesen und Schreiben, er diente der privaten Andacht ebenso als Grundlage wie der Liturgie.

Zwischen Tradition und Innovation: Der „Psalmenkommentar” des Österreichischen Bibelübersetzers

Volkssprachliche Psalterexegesen sind für das deutschsprachige Mittelalter seit Notker III. von St. Gallen zu belegen. Doch während dieser seine interlineare Übersetzung und Kommentierung insbesondere für seine Mitbrüder im Kloster anfertigte, schreibt der Österreichische Bibelübersetzer dezidiert für die Menschen außerhalb der Klostermauern.

Der Psalter nimmt für den Österreichischen Bibelübersetzer eine hervorgehobene Stellung ein, vermutlich war die erste der verschiedenen Fassungen der Ausgangstext seiner groß angelegten Übersetzung der Bibel. Darauf weisen etwa die zahlreichen Zitate aus dem „Psalmenkommentar” im „Evangelienwerk” und in den Verteidigungsschriften hin. Im Vergleich mit den anderen Psalterübersetzungen des Mittelalters zeigt sich die Übersetzungsleistung des Anonymus umso deutlicher; anders als viele seiner Vorgänger und Nachfolger löst er sich weitgehend von den Vorgaben seiner lateinischen Vorlage und findet neue Wege der sprachlichen Vermittlung.

Anlehnung an das zeitgenössische Psalmenwerk des Nikolaus von Lyra

Vers für Vers kommentiert der Österreichische Bibelübersetzer die Psalmen und greift dabei, soweit man bisher weiß, auf das zeitgenössische Psalmenwerk des Nikolaus von Lyra OFM noch während dessen Entstehung zurück. Die nachweisliche Benutzung der Quelle und die Datierung des Entstehungszeitpunkt des Textes auf nach 1326 führten neben inhaltlichen Gründen dazu, dass die vermutete Autorschaft Heinrichs von Mügeln, der in der ältesten Handschrift von 1372 als Verfasser des Textes genannt wird, als Irrtum erkannt wurde.