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„Der Österreichische Bibelübersetzer“

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Wer war der „Österreichische Bibelübersetzer“?

In den 1930er Jahren wurden erste, noch recht vage Zusammenhänge eines großen und umfassenden Bibelwerks in deutscher Sprache entdeckt. Zunächst vermutete man als Verfasser den bekannten Dichter Heinrich von Mügeln, da dieser Name in einer der Handschriften genannt wurde. Doch diese These wurde mittlerweile sowohl aus chronologischen wie auch aus inhaltlichen Gründen widerlegt.

Der bis auf Weiteres also namenlos bleibende Verfasser dieses umfangreichen Werks wird in der Forschung unter der Bezeichnung der Österreichische Bibelübersetzer geführt. Sie ergibt sich aus der vermutlichen Wirkungsstätte, dem mittelalterlichen Herzogtum Österreich, an der Grenze zwischen den Diözesen Salzburg und Passau, dem Fundort der meisten Handschriften, und der hauptsächlichen Tätigkeit, nämlich dem Übersetzen großer Teile der Heiligen Schrift in die deutsche Sprache.

Übertragungen, Kommentare und Traktate in deutscher Sprache

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts verfasste dieser Österreichische Bibelübersetzer, zusätzlich zu seinen Übertragungen großer Teile des Alten und Neuen Testaments, einen umfangreichen Psalmenkommentar sowie weitere Texte wie Traktate gegen Ketzer und Juden. Sein ganzes Schaffen scheint der Aufgabe der Bibelverdeutschung für die Laien gewidmet gewesen zu sein. Seine Kommentare und Auslegungen haben dieses Publikum stets im Blick.

Der Bibelübersetzer bezeichnet sich selbst als Laie. Ob dies nun einen Laien in der Welt meint, was wahrscheinlich ist, oder einen Laienbruder in einem Kloster, lässt sich noch nicht genau sagen. Seine Übersetzungsleistung ist im Übrigen keineswegs laienhaft, sondern sprachlich ausnehmend gelungen und zeugt von umfangreichem Wissen und ausgezeichneten Lateinkenntnissen.

Von einem Laien für die Laien

Sein Laienstatus gibt seine Übersetzung der Heiligen Schrift aber auch vehementen Anfeindungen preis, denen er sich insbesondere in den Vorreden zum „Alttestamentlichen Werk” sowie zu den einzelnen biblischen Büchern selbstbewusst entgegenstellt, wo er sogar – etwa in der Vorrede zum „Psalmenkommentar” – dezidiert für die Übertragung der Heiligen Schrift in die deutsche Sprache wirbt, um sie den Gläubigen besser zugänglich zu machen.

Doch nicht nur die Übersetzung ist wichtig, zentral ist auch sein Anliegen, die für die Laien ausgewählten Texte mit einer bedeutnus zu versehen, einer begleitenden Glossierung, die auslegt, erklärt und kommentiert. Dabei verlässt der Anonymus sich neben der Inspiration durch den Heiligen Geist auch auf wol gelerter leut hilf und rat. So benutzt er neben der weit verbreiteten Glossa ordinaria, dem „Standardwerk” zur Exegese und Kommentierung zur biblischen Geschichte, auch das zeitgenössische lateinische Psalmenwerk des Franziskaners Nikolaus von Lyra noch während dessen Entstehung. Vieles deutet auf reiche und mächtige Unterstützer. Unter den Handschriften des „Evangelienwerks” sind prächtige und kostbare Stücke, deren reiche Ausstattung einflussreiche und vermögende Auftraggeber vermuten lassen.

Aufgaben für die Forschung

Noch weiß man wenig Genaueres über diesen emsig schreibenden Anonymus, der die Bücher der Bibel übersetzt und auslegt. Seine Bedeutung für das Verständnis vorreformatorischer deutschsprachiger Bibelübersetzungen sowie für die Literaturgeschichtsschreibung Österreichs und die Epoche des Spätmittelalters wurde aber erkannt und regt zu weiteren Forschungsaufgaben an.