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„Der Österreichische Bibelübersetzer“

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Gottes Wort deutsch – die kommentierte kritische Hybridedition

Mit der Edition der Werke des Österreichischen Bibelübersetzers werden erstmalig Texte erschlossen, die für das Verständnis und die Deutung des Spätmittelalters wesentlich sind und einen wichtigen Beitrag zum europäischen Selbstverständnis leisten.

Bekannt sind bislang vor allem

  • umfangreiche Übersetzungen aus dem Alten Testament („Alttestamentliches Werk”, ehemals „Schlierbacher Altes Testament”)
  • das neutestamentliche „Evangelienwerk” (ehemals „Klosterneuburger Evangelienwerk”).
  • deutsche Vorreden
  • eine lateinische Verteidigungsschrift
  • mehrere Traktate, unter ihnen insbesondere zwei „Adversus Judaeos”-Traktate sowie ein „Büchlein vom Antichrist” und ein weiteres vom „Jüngsten Gericht”.

Die überlieferten Handschriften und Fragmente der einzelnen Werkteile sind äußerst zahlreich und zum Teil auch kunsthistorisch relevant. Allein vom „Psalmenkommentar” sind bislang mehr als 70 Textzeugen bekannt, das „Evangelienwerk” zählt bislang 30 Überlieferungsträger. Auch lassen sich beispielsweise für das Evangelienwerk frühe Parallelfassungen der Texte feststellen.

Komplexe Überlieferungsbedingungen

Die Identifizierung dieser deutschen Texte als geschlossenes Oeuvre und die Erkenntnis ihres Stellenwertes für die Geistesgeschichte sind das Ergebnis der Forschungen vergangener Jahrzehnte. Dass sie trotz ihrer hohen Bedeutung bislang nicht ediert wurden, liegt an den Eigenheiten der Verfasserschaft und an den komplexen Überlieferungsbedingungen. Nachdem die Zusammengehörigkeit verschiedener Werke bereits in den 1930er Jahren deutlich geworden war, konnte erst die neueste Forschung das Gesamtwerk rekonstruieren. Die umfangreichen und stark rezipierten Texte haben sich im Verlauf der Abschriften zudem in Fassungen, Exzerpte und sekundäre Umarbeitungen ausdifferenziert. Die editorische Repräsentation stellt besondere Herausforderungen und ist nur durch eine Gruppe von Editoren zu bewältigen.

Edition und Kommentar

Eine Aufgabe wird es sein, die vielen Quellen, die der Österreichische Bibelübersetzer heranzieht, zu definieren und zu kommentieren. Im interakademischen Projekt der Arbeitsgruppen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften an der Universität Augsburg und der Berlin-Brandenburgischen Akademie in Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Freimut Löser (Universität Augsburg) sowie von Prof. Dr. Martin Schubert (Berlin/Universität Duisburg-Essen) und Prof. Dr. Jens Haustein (Berlin/Univeristät Jena) werden in vier Modulteilen zu jeweils drei Jahren zahlreiche Textzeugen gesichtet, Fassungen identifiziert, herausgegeben und kommentiert.

Voraussichtlich 2022 wird die Ausgabe des im Vorfeld durch die DFG geförderten „Alttestamentlichen Werks” (ehemals „Schlierbacher Altes Testament”) des Österreichischen Bibelübersetzers erscheinen. Parallel dazu arbeiten derzeit die Arbeitsgruppen in Augsburg und Berlin an der Erschließung der Überlieferungslage und Textgeschichte des „Evangelienwerks” (ehemals „Klosterneuburger Evangelienwerk”) und nachfolgend des „Psalmenkommentars”.

Digitale Edition

Eines der Ziele ist es, neben der Edition in Buchform auch eine Editionsplattform zu generieren, auf der die verschiedenen Realisierungsformen des Textes, also Digitalisate der Textzeugen, Transkriptionen, Fassungseditionen und Kommentare zur Verfügung gestellt werden. Auch Handschriften, deren Abbildungen bisher nicht verfügbar waren, wurden aus Projektmitteln digitalisiert und werden in Abstimmung mit den Bibliotheken online publiziert. Auf diesem Wege bietet das Projekt auch den Fächern Theologie, Geschichte und Kulturwissenschaften sowie für verschiedenen Philologien eine Forschungsgrundlage.

„Altestamentliches Werk“ (ehemals „Schlierbacher Altes Testament“)

Das „Alttestamentliche Werk”, in der Forschung bislang nach dem Fundort der ersten bekanntgewordenen Handschrift als „Schlierbacher Altes Testament” bezeichnet, ist eine von der lateinischen Vulgata ausgehende Bearbeitung großer Teile des Alten Testaments.

Der ursprünglich angesetzte alttestamentliche Teil mit Vorreden, Genesis, Exodus, Tobias, Hiob und Daniel wurde im Rahmen eines von der DFG geförderten Vorgängerprojektes aufgrund weiterer Textfunde um die Proverbia Salomonis und Ecclesiastes erweitert.

Der kritische Apparat verzeichnet sämtliche abweichende Lesarten, an inhaltlich problematischen Stellen erweitert um die entsprechenden Passagen aus der lateinischen Vulgata, und zitiert mit der "Glossa ordinaria" das vom Österreichischen Bibelübersetzer für seine eigenen Glossen hauptsächlich herangezogene Werk. Auf Basis dieser Textgrundlage wird es möglich sein, den Österreichischen Bibelübersetzer auch als Redaktor der "Glossa ordinaria" wahrzunehmen und zu erforschen.

Die Edition wird 2022 erscheinen. Damit ist der zunächst von der DFG geförderte Projektteil abgeschlossen und um die nötigen Erweiterungen ergänzt.

„Evangelienwerk” (ehemals „Klosterneuburger Evangelienwerk”)

In einem auf etwa sechs Jahre angelegten Modul wird das „Evangelienwerk” des Österreichischen Bibelübersetzers editorisch erschlossen und kommentiert.

Die um 1330 entstandene Prosaübertragung der kanonischen Evangelien umfasst auch das apokryphe, aber für das Mittelalter wichtige Nicodemusevangelium sowie zahlreiche weitere volkssprachige Legenden und Apokryphen.

Die verschiedenen Quellen werden vom Österreichischen Bibelübersetzer nicht nur übersetzt und kommentiert, sondern auch in eine neue, an den Perikopen orientierte Ordnung gebracht.

Schon bald nach dem Abfassen des „Evangelienwerks” entstand eine Bearbeitung des Textes. Ob diese dem Bibelübersetzer selbst oder einem anderen Unbekannten zuzuschreiben ist, lässt sich (noch) nicht sagen. Hier wird der Text des Evangelienwerks harmonisiert, das heißt, die in den jeweiligen Evangelien und Apokryphen erzählten Stationen aus dem Leben Jesu werden zu einem Text zusammenfügt. Dabei folgt die entstandene Harmonie der Chronologie des Lebens Jesu.

Besondere editorische Herausforderungen

Die Untersuchung dieser Bearbeitungsschritte ist eine der besonderen editorischen Herausforderungen: Die Notwendigkeit, Fassungssynopsen zu entwickeln und die ebenso interessante wie komplexe Überlieferungsgeschichte des „Evangelienwerks” transparent und der Forschung zugänglich zu machen.

In dem interakademischen Projekt wurden weitere Textzeugen, d.h. das „Evangelienwerk” überliefernde Handschriften und Fragmente, entdeckt und Texte identifiziert. Die bislang bekannten 30 Textzeugen wurden näher eingeordnet, die Haupthandschriften der beiden Bearbeitungsstufen transkribiert. Insgesamt beläuft sich der kritisch zu edierende und zu kommentierende Text auf rund 1600 Handschriftenseiten (800 Folios).

Das „Evangelienwerk” in der Handschrift Gö

In der digitalen Editon werden die Transkriptionen sämtlicher Textzeugen des „Evangelienwerks” beider Fassungen publiziert. Geplant ist die dynamische Präsentation der Handschriften und ihrer Transkriptionen.

Vorab haben Sie aber hier schon die Möglichkeit, den Text des „Evangelienwerks” in der Volltranskription nach der Leithandschrift der Erstfassung Gö = Göttweig, Stiftsbibl., Cod. 222 (rot) / 198 (schwarz) (früher C 2) als pdf zu lesen. Hier ist das Digitalisat zugänglich.

„Psalmenkommentar“

Im Anschluss an die Edition und Kommentierung des „Evangelienwerks” ist in einem weiteren auf sechs Jahre angelegten Modul geplant, den breit überlieferten „Psalmenkommentar” (mehrere Fassungen in mehr als 70 Textzeugen) des Österreichischen Bibelübersetzers ebenfalls editorisch zu erschließen und zu kommentieren. Auch hier wird der kritisch zu edierende und zu kommentierende Text für eine Fassung allein voraussichtlich ca. 800 Handschriftenseiten (400 Folios) umfassen.

Die weite Verbreitung des „Psalmenkommentars” liegt in der Beliebtheit volkssprachiger Psalmenübersetzungen begründet. Am Psalter lernte man im Mittelalter Lesen und Schreiben, er diente als Grundlage der privaten Andacht und hatte einen hohen Stellenwert für die Liturgie.

Zwischen Tradition und Innovation: Der „Psalmenkommentar” des Österreichischen Bibelübersetzers

Volkssprachliche Psalterexegesen sind für das deutschsprachige Mittelalter seit Notker III. von St. Gallen belegt. Doch während dieser seine interlineare Übersetzung und Kommentierung insbesondere für seine Mitbrüder im Kloster anfertigte, schreibt der Österreichische Bibelübersetzer dezidiert für die Menschen außerhalb der Klostermauern.

Der Psalter nimmt für den Österreichischen Bibelübersetzer eine hervorgehobene Stellung ein. Er wird auch in seinen anderen Werken immer wieder zitiert. Im Vergleich mit den anderen Psalterübersetzungen des Mittelalters zeigt sich die Übersetzungsleistung des Anonymus umso deutlicher; anders als viele seiner Vorgänger und Nachfolger löst er sich streckenweise von seiner lateinischen Vorlage und findet neue Wege der sprachlichen Vermittlung.

Anlehnung an das zeitgenössische Psalmenwerk des Nikolaus von Lyra

Der Österreichische Bibelübersetzer kommentiert die Psalmen Vers für Vers und greift dabei, soweit man bisher weiß, auf das zeitgenössische Psalmenwerk des Nikolaus von Lyra OFM noch während dessen Entstehung zurück. Die nachweisliche Benutzung dieser Quelle und die Datierung des Entstehungszeitpunkts des Textes (nach 1326) führten unter anderem dazu, dass die vermutete Autorschaft Heinrichs von Mügeln, obwohl dieser in der ältesten Handschrift von 1372 als Verfasser des Textes genannt wird, als Irrtum erkannt wurde.